Woher kommen Schienbeinschmerzen bei Läufern?
Der umgangssprachliche Begriff „Schienbeinkantensyndrom“ (englisch shin splints) bezeichnet meist das mediale tibiale Stresssyndrom. Man geht davon aus, dass es sich um eine Reaktion des Schienbeinknochens und der Knochenhaut auf eine wiederholte Belastung handelt, die über mehrere Wochen schneller gestiegen ist, als sich das Gewebe anpassen konnte. Der Schmerz wird meist entlang der Innenkante des Schienbeins, im mittleren und unteren Abschnitt, gespürt, und der Druckschmerz erstreckt sich über mehrere Zentimeter.
Betroffen sind vor allem Menschen, die mit dem Laufen beginnen, nach einer Pause wieder einsteigen oder ihre Kilometer schnell steigern – zum Beispiel bei der Vorbereitung auf den ersten Halbmarathon. Häufiger tritt das Problem auch nach einem Wechsel auf härteren Untergrund und bei geringer Ausdauer der Wadenmuskulatur auf.
Typisch ist der Verlauf der Beschwerden. Anfangs schmerzt das Schienbein vor allem in den ersten Laufminuten, dann lässt der Schmerz nach und kehrt nach dem Training zurück. Wird die Belastung nicht verändert, treten die Beschwerden immer früher auf, halten länger an und machen das Laufen schließlich unmöglich. Je früher Sie reagieren, desto kürzer ist in der Regel der Weg zurück.
Befund und Differenzialdiagnose – was ausgeschlossen werden muss
Schienbeinschmerzen sind nicht immer eine einfache Überlastung. Bei der Untersuchung prüfen wir, ob der Schmerz flächig oder eindeutig punktuell ist, wie das Schienbein auf einbeinige Sprünge reagiert und wann genau der Schmerz auftritt. Ein punktueller Knochenschmerz, der auch beim Gehen, in Ruhe oder nachts auftritt, kann auf eine Stressfraktur des Schienbeins hindeuten – dann überweisen wir Sie zum Arzt, denn eine Bildgebung ist nötig.
Ein anderes Bild zeigt das chronische belastungsabhängige Kompartmentsyndrom: Schmerz und Spannungsgefühl nehmen während des Laufs zu, manchmal mit Taubheitsgefühl im Fuß, und lassen erst nach, wenn Sie die Belastung abbrechen. Auch das muss ärztlich abgeklärt werden. Wiederholen sich Stressfrakturen, sollten Sie mit einem Arzt prüfen, ob ein Energiemangel im Verhältnis zum Energieverbrauch durch das Training besteht (das sogenannte relative Energiedefizit im Sport, RED-S), der die Knochen schwächt.
Wie wir die Therapie gestalten
Grundlage ist die Anpassung der Belastung: Wir reduzieren Umfang und Intensität des Laufens auf ein Niveau, bei dem die Beschwerden nicht zunehmen, und ein Teil der Einheiten kann durch Radfahren oder Schwimmen ersetzt werden. Parallel beginnen wir mit medizinischer Trainingstherapie – Kräftigung der Wade mit gestrecktem und gebeugtem Knie, der Gesäß- und Fußmuskulatur und in einer späteren Phase Sprungübungen, die Knochen und Muskeln auf das Laufen vorbereiten.
Massage und Weichteilbehandlung können die Empfindlichkeit kurzfristig verringern, ersetzen aber nicht die schrittweise Belastungssteigerung. Ähnlich ist es mit Einlagen oder neuen Schuhen – sie können helfen, lösen das Problem allein aber selten. Wie lange die Rückkehr dauert, hängt davon ab, wie lange die Beschwerden schon bestehen: Bei kurzer Vorgeschichte sind es meist einige Wochen, bei Schmerzen seit Monaten länger.
Zurück zum Laufen ohne Rückfall
Der Rückkehrplan beginnt mit Walk-Run-Intervallen auf weichem Untergrund, und wir steigern den Umfang schrittweise, wobei wir die Reaktion des Schienbeins am nächsten Tag beurteilen. Die wichtigste Regel: Wir steigern nie gleichzeitig Kilometer, Tempo und Bergläufe. Leichte Beschwerden während des Laufens sind in Ordnung, wenn das Schienbein am nächsten Morgen nicht empfindlicher ist als am Vortag. Die Kraftübungen für die Wade sollten Sie auch nach der Rückkehr zum vollen Training beibehalten. Dieselben Regeln schützen vor anderen Laufüberlastungen wie dem Läuferknie oder Achillessehnenschmerzen.
Wenn Ihr Schienbein seit einigen Wochen schmerzt und Sie trotz Schonung keine Besserung bemerken, können Sie über die Seite Kontakt einen Termin vereinbaren.